Tag der Öl-Arbeiter

Das Vorspiel zu Die Walküre ist genau die Art des Vorspiels, mit dem Richard Wagner gekonnt zwei aufeinanderfolgene Bilder zu verbinden weiß. Donners Gewitter aus dem Finale des Rheingold klingt erst in dem Ächzen des Waldes ab, das sich erst in allmählich schwindenden Windstößen der stimmungsgeladenen tiefen Streicherfiguren im Vorspiel zum ersten Tag des Musikdramas Der Ring des Nibelungen beruhigt. Während die Götter zur festlichen Musik der Regenbogenbrücke („somwhere over der Rainbow“) die Walhalla betreten, nimmt das Drama des Geschwisterpaares Siegmund und Sieglinde tief in den Wäldern unter der stolzen Burg ihren Lauf.
Auch für Die Walküre baute Aleksandar Denić eine praktische Drehbühne, die schnelle Verwandlungen ermöglicht. Wir sehen einen Holzschuppen, bei dem ein ebenfalls hölzener, Erdöl-Förderturm steht. Schon in Das Rheingold deutete Frank Castorf an, dass das Gold aus dem Rhein schwarz ist. Das Erdöl funktioniert auch in Die Walküre als Symbol für Macht und Finanzen, die Weltgeschichte bewegen. Das Erdöl wird blutig umkämpft, wegen ihm sterben Menschen, aber auch die Natur. Die Weltesche  fiel bei Castorf der Industrialisierung zum Opfer. Aus ihrer Holz wurde die Brüstung des Förderturms gebaut. Unter dem Turm zwischen den Heuballen wartet Sieglinde auf Ihren Mann Hunding, den befrackten Ölmagnaten mit Zylinder (herrlich profund: Georg Zeppenfeld). Seine gezwungene Eleganz deklassiert ein Speer mit aufgespiestem menschlichen Kopf.
Die Idee, die „verborgene Handlung“ aus der Partitur, mit den Filmkameras auf die Bühne hervorzuholen, führt Castorf auch am zweiten Abend des vierteiligen Abends konsequent weiter. Auf unterschiedlichen Leinwänden kann das Publikum erneut das innere Drama der Figuren beobachten. In Die Walküre werden aber auch historische, oder nachinszenierte Filmaufnahmen über den Aufbruch der Ölindustrie in Aserbaidschan gezeigt, ganz in der Eisenstein’schen schwarzeweißen Filmästhetik. Sieglinde beim brauen des Schlaftrunks zuzuschauen, die damit ihren Mann Hunding im Inneren des Holzschuppens sedieren will, ist auch Dank der charmanten und hübschen Camilla Nylund spannend und ungewöhnlich. Auch hier besticht das ganze Ensemble mit einer beeindruckenden schauspielerischen Verve. Frank Castorf hat aber offenbar auch an der Personenregie gefeilt. Die Öl-Lachen vor der Scheune bezieht er mehr ins Spiel der Charaktere. Brünnhilde stolpert darüber, rutscht fast aus. Sie will sich und die Füße ihres Vaters nicht schumtzig machen, also rollt sie über der Rutschpartie einen orientalischen Teppich aus. Fricka, im Kostüm einer orienalischen Herrin, lässt sich über die Pfützen auf den Händen eines Öl-Arbeiters tragen. Das sind Einzelheiten, die eindrucksvoll zur Spannungssteigerung des Bühnengeschehens beitragen und die Figurenregie insgesamt flüssiger und nachvollziebarer machen.

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Richard Wagner: DIE WALKÜRE

Richard Wagner: DIE WALKÜRE

Mit: Marek Janowski (ML), Frank Castorf (R) Alexandar Denić (B) Adriana Braga Peretzki (K) Rainer Casper (Licht), Andreas Deinert, Jens Crull  (Video), Christopher Ventris (Siegmund), Georg Zeppenfeld (Hunding), John Lundgren (Wotan), Camilla Nylund (Sieglinde), Catherine Foster (Brünnhilde), Tanja Ariane Baumgartner (Fricka),  Caroline Wenborne (Gerhilde), Dara Hobbs (Ortlinde), Stephanie Houtzeel (Waltraute), Nadine Weissmann (Schwertleite), Christiane Kohl (Helmwige), Mareike Morr (Siegrune), Simone Schröder (Grimgerde), Alexandra Petersamer (Rossweise), Bayereuther Festspielorchester, BAYREUTHER FESTSPIELE Reprise: 30. Juli 2017

{Fotos: Enrico Nawrath}

Camilla Nylund und Christopher Ventris sind ein faszinierend stimmiges Wälsungenpaar. Gegenüber dem letzten Jahr hat sich Christopher Ventris mit seiner Rolle hörbar angefreundet. Sein warmer Tenor zieht zwar nicht so in den Bann wie der von Johan Botha, bietet aber durchaus verständlichen und optisch attraktiven Siegmund. Genau wie Camilla Nylund, die ihren kraftvollen Sopran mit viel Wärme und Schmelz mit kultivierter und plastischer Modulation einsetzt. Das begeisterte Publikum umjubelte sie beide mit langem Applaus und nach dem ersten Aufzug bat man sie vier Mal vor den Vorhang.
Insgesamt muss man sagen, dass die Besetzung dieses Jahr wieder der Bayreuther Weltklasse entspricht. Auch John Lundgren begeisterte mit seinem gestisch gestaltungsreichen und schauspielerisch dynamischen Bariton. Ob im Dialog mit Fricka (Tanja Ariane Baumgartner auch hier stimmlich und schauspielerisch agil), die ihn inständig zur Wahrung von Verträgen ermahnt und die Bestrafung des Wälsungenpaars für ihren Ehebruch verlangt, oder im Dialog mit Brünnhilde, die Wotans Wille verkörpert, was der Grund ist, warum sie sich dem Zugeständnis Wotans an Fricka nicht beugen kann. Fabelhaft gelingt ihm auch der Monolog, in dem seine sonore Tiefe bestens zur Geltung kam.
Nicht nur Castorf werkelte an seinem Regiekonzept. Auch das Dirigat von Marek Janowski gewann in Die Walküre an der Dramatik. Dynamisch durchdachte und dramatisch aufgeladene Spannung in der „Szene der Todesverkündigung“, wurde zu meinem persönlichen musikalischen Highlight des Abends. Vor allem aber auch Dank Catherine Foster, die in diesem Bayreuther Sommer in einer wunderbarer Kondition auftritt. Ihre Brünnhilde gewann noch mehr an Kraft und Festigkeit, ihre Darstellung strotzt nur so vor Spielfreude, Spaß und Leichtigkeit. Ihre bequem sitzende Tiefen garniert sie dabei stets mit angenehm abgerundeten Spitzentönen und kraftvollem Mezzavoce.
Galoppierende Sechzehntelnoten in „Walkürenritt“ peitschen die Spannung schon am Anfang des dritten Aufzugs wild an. In der Musik hören wir abklingendes Gewitter, das bei dem Kampf zwischen Hunding und Siegmund von zornigem Wotan entfesselt wurde. Die wilden Reiterinnen lockern die finstere Atmosphäre des vorherigen Aufzugs mit morbider Jovialität auf. Das Schlachtfeld, auf dem die Wal-Schwestern getötete Helden aufsammeln, verstand Castorf als Aufstand der Öl-Arbeiter, den man mit einem Giftgas-Angriff bekämpft. Die Aufschrift auf dem Dach in Aserbaidschanisch: „20 sentyabrın neftçilər günü peşə bayramı“ (Tag der Öl-Arbeiter) weist auf den sogenannten „Jahrhundertvertrag“ hin. Am 20. September 1994 unterschrieb Aserbaidschan diesen Vertrag mit führenden Öl-Nationen der Welt. Er sollte die Öl-Industrie des Landes modernisieren und massive Investitionen in die Infrastuktur des Landes ermöglichen. Der Wille des Einzelnen sollte hier gänzlich dem Wohle und der Entwicklung des Staates untergeordnet werden. Die Länder wie USA, Saudi Arabien, Norwegen, Großbritannien, Russland, Türkei, Japan, erhielten mit diesem Vertrag umfassende Eigentumsrechte über einen Teil der geförderten Ölmenge. Der Tag an dem dieser Vertrag unterzeichnet wurde, hat man später in Aserbaidschan zum Tag der Öl-Arbeiter ausgerufen, was Castorf in seiner Interpretation mit einer weiteren Kapitalismuskritik konterkarriert. Die Zeit des Vertrags passt zwar nicht in die Erzählung, ist aber ein weiteres Zeichen dafür, dass Castorf mythische und politische Zeit in dieser Inszenierung gegeneinander und unterschiedlich schnell aufspielen lässt.
Schauspielerisch aufgeladene Szene mit wild herumlaufenden Walküren in ihren altertümlich anmutenden orientalischen Trachten gehört zu einem der Höhepunkte in Castorfs Regiearbeit. Dynamische Hektik auf dem Walkürenfelsen wurde auch hier mit Hilfe von Nahaufnahmen illustriert. Auch diese Szene bestach einmal mehr durch die schauspielerische Verve und fabelhaften Gesang aller Darstellerinnen. Die Furcht der Walküren vor dem Zorn des Walvaters, aber auch ihr Aufgebrachtsein über ihre rebellische Schwester, verdoppelt durch die Übertragung der Mimik auf die Leinwand im Vordergrund des Walkürenfelsens, intensivierte auch dramatisch aufgeladene Stabführung Marek Janowskis.
In „Wotans Abschied“ und in „Feuerzauber“ spielt Castorf die mythische Zeit des Stücks und die historische Zeit seines dramaturgischen Konzeptes ein erneut gegeneinander. Die mythische Zeit auf der Vorbühne, wo Wotan seiner Wunschmaid ihren göttlichen Status wegküsst überlagert er mit mit der historischen Zeit, projiziert aufs Dach der Scheune, in der er seine aufbegehrende Tochter temporär einschläfert. Der Schnellkurs in der Geschichte Aserbaidschans aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt den Beginn der Ölforderung, Industrierevolution, aber auch die Besatzung durch Nazideutschland und sowjetische Okupation. Wer des Russischen mächtig ist, war stark im Vorteil. Texte im Kyrillischen im schwarzweißen Film erzählten den Anfang der kommunistischen Revolution in Baku.
Zum Schutze der schlafenden Brünnhilde entzündetes Feuer, loderte aus einem Holzfass mit der Erinnerung an den Walkürenfelsen und den 20. September 1994. Die alte Welt der (aristokratischen) Götter ist am Ende, eine neue Ära der Menschen beginnt.

Ein Tag Pause nach Die Walküre tut gut. Man kann sich einen Thermentag mit Kneippkur gönnen, und sich dabei beispielweise in die Geschichte Aserbaidschans einlesen.
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