Neureiche Gauner aus der moralischen Peripherie

Donners „Heda! Hedo!“ im Finale des Rheingold ist ein mit Farben durchflutetes, prächtiges Stück der Klangmalerei. Aus mehrfach geteiltem wogenden Klang der Streicher entsteht plötzlich ein Bild des aufziehenden Gewitters. Die aufgeladene Atmosphäre elektrisiert im seichten schwülen Gedünst. Donner ergreift seinen Hammer, besteigt einen Hügel und beschwört das herannahende schwarze Gewölk. Ein musikalisches Motiv aus breitem Crescendo, getragen zunächst von Hörnern, später von einem massiven Tutti des gesamten Blechapparats durchschneiden bedrohlich kreisende Streicherfiguren. Auf dem Höhepunkt dieses grandiosen musikalischen Siedens schlägt Donner seinen Hammer gegen einen Stein bis die Funken sprühen. Der Klang wird von einem schnellen Paukenstrudel durchwirbelt, eindrucksvoll umramhmt von Celli und Kontrabässen.
Temperiertes Klangbild einer mythischen Landschaft.
Die Opernliteratur ist reich an klingende Bilder von Blitz und Donner. Wagners Gewitterstimmung durchleuchtet von Donners Hammerschlag ist unter all den musikalischen Gewittern von Vivaldi, Haydn, oder Beethoven am spektakulärsten. Richard Wagner ist in der Musik das, was Themistocles Eckenbrecher, Arnold Böcklin, Ludwig Richter, oder Anselm Feuerbach in der romantischen Malerei. In Bayreuth entwickelt sich seine musikalische Palette am prächtigsten. Kirill Petrenko wusste nur zu gut, wie man die Farben in Wagners Partitur eindrucksvoll aufdeckt. Seine polychrome Interpretation hat wunderbar die ausgeklügelte Regie von Frank Castorf untermalt. Auch heuer, in der letzten Ring-Saison auf dem Grünen Hügel vor 2020 hat den Taktstock von Castorfs mehrschichtiger Inszenierung Marek Janowski in der Hand. Und er kommt leider nicht mal annähernd an Petrenkos Farbenpracht. Sein Dirigat wirkt seltsam flach. Vieles zwischen der Bühne und dem mystischen Abgrund fällt ausseinander. Etwa in dem zweiten Bild, wo Alberich und Mime von den Göttern malträtiert werden. Aber sei’s drum. Geschenkt. Kann passieren. Vielmehr stört viel zu vorsichtig geführte Dynamik und Orchestermelodie ohne richtigen Höhepunkte. Musikalische Bilder der romantischen Landschaft vermissen plastische Grazie, der Rhein plätschert dahin, Gewitter, das den Weg der Götter in ihren apokalyptischen Kolaps ebnen soll, scheint nur ein sommerliches Intermezzo beim Wandern im Fichtelgebirge zu sein.

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Richard Wagner: Das Rheingold

Richard Wagner: Das Rheingold

Mit: Marek Janowski (ML), Frank Castorf (R) Alexandar Denić (B) Adriana Braga Peretzki (K) Rainer Casper (Licht), Andreas Deinert, Jens Crull  (Video), Iain Paterson (Wotan), Markus Eiche (Donner), Daniel Behle (Froh), Roberto Saccà (Loge), Tanja Ariane Baumgartner (Fricka),  Caroline Wenborne (Freia), Nadine Weissmann (Erda), Albert Dohmen (Alberich), Andreas Conrad (Mime), Günther Groissböck (Fasolt), Karl-Heinz Lehner (Fafner), Alexandra Steiner (Woglinde), Stephanie Houtzeel (Wellgunde), Wiebke Lehmkuhl (Floßhilde), Bayereuther Festspielorchester, BAYREUTHER FESTSPIELE Reprise: 29. Juli 2017

{Fotos: Enrico Nawrath}

Trash, Desperados und ein Roadmovie
Frank Castorf hütet sich davor, jegliches mythische Pathos zu beschwören. Dabei gelingt ihm ein eigenes Mythos zu erschaffen. Anstatt des Flussbetts und einer romantisch anmutenden Anhöhe, situiert er den ganzen  Personenapparat des Wagner‘ schen Pantheons in ein schäbiges Motel irgendwo auf der Route 66 in der Wüste von Texas. Das postapokalyptisch wirkende Golden Motel (ist die Götterdämmerung bereits vorbei?) ist ein Bordell, eine Tankstelle und ein luxuriöses, aber geschmackloses Apartment in einem, wie aus einem trashigen B-Road-Movie der Fünfziger. Auf seiner Terasse lümmeln sich gelangweilte Wellgunde, Woglinde und Flosshilde in bester Schlampenmanier. Neben dem Aufhängen von frisch gewaschenen Schlüpfern, Grillen und Herumalbern, schaffen sie auch noch Alberich aufzuziehen, den sie zunächst geil machen und später unbefriedigt zurücklassen. Kein Wunder, dass er so aufgegeilt auf die Leidenschaft verzichtet und lieber das Gold aus dem Motel-Pool einhamst. Die Rheintöchter können nur noch dumm aus der Wäsche gucken. Sie springen in ein schwarzes Mercedes Benz ein und düsen zur nächsten Tankstelle, um dem Gott Vater Wotan den Raub der Firmenmobilie zu melden.
Oben im Apartement hinter den wandhöhen Fenstern schaut Fricka gelangweilt in die Ferne, während sich ihr Gemahl Wotan in Bett mit Freia, lüstern verjüngern lässt. Castorfs Lumpenburgoise aus der Mittelklasse vergnügt sich auf der geographischen (und moralischen) Peripherie nur bis Fafner und Fasolt, zwei Bauunternehmer aus der ganz alten Zeit, ihre Forderungen für den Bau des Familienmotels vermelden.
Im Penthouse der Führungsetage bricht Panik aus. Flehen und Verstecken hilft nichts. Zum Glück ist hier noch der Cousin Loge. Ein schräger Typ im roten Anzug, der weiß wo das Gold verblieben ist. Ein Deal muss her: entweder Gold, oder Freia. Bis das Gold da ist, nehmen die Riesenbrüder die junge hübsche Göttin als Geisel mit. Wer das Gute will, stets aber das Böse schafft, der gerät bald in die Schlamassel. Der Niedergang der Götter beginnt mit dem Abstieg ins Nibelheim – bei Castorf ein silberfarbener Wohnwagen, den Alberich und Mime, zwei Brüder aus dem Showbiz in burlesken glitzernden Anzügen gerade an die Tankstelle gezogen haben. Mit Gewalt bemächtigt sich Wotan des Goldes. Um den Ring kommt Alberich dann auch. Wotan entreißt ihn ihm bei einem Drink auf der Tankstelle. Die versklavte Freia kommt zurück. Die Riesen haben ihren Blaumann längst abgelegt. In schneidigen schwarzen Anzügen haben nur noch Amüsement mit Freia im Sinn, die sie in ein schwarz-rotes Lackfummel reingezwängt haben. Die Welt der Götter scheint zunehmend aus den Fugen zu geraten. Da tritt die (Halb)-Welt-Dame Erda hervor, die Bescheid weiß. Alles was war und alles was wird. Als welterfahrene Diva im weißen Pelzmantel versucht sie Wotan zu warnen. Eindringlichkeit ihrer morbid eleganten Prophezeihung beeindruckt Wotan so sehr, dass er sich nachher, von ihrem Charme beeindruckt, noch zu einem schnellen Quickie im Bad verführen lässt, bei dem die Walküre Brünnhilde gezeugt wird. Nachdem Wotan das Gold mitsamt des Rings den Riesen abgegeben hat, kann also wieder Liebe gemacht werden. Um den Besitz dürfen jetzt die Gebrüder „F“ streiten, die gerade dabei sind, ihrer Bruderliebe zu entsagen.
Motivation der Figuren in intimer Nahaufnahme als Medienkritik
Dass Wotan und Erda die Eltern von Brünnhilde sind, erfahren wir erst im zweiten Aufzug in Die Walküre. Castorf gleitet nicht nur auf der Oberfläche des Stücks. Er dringt tief in das dramatische Geschehen hinein, aus dem er die Figurenmotivation eindrucksvoll in form von Kamerafahrten und Nahaufnahmen auf die Bühne hervorholt. Dort, wo Castorf relativ einfallslos auf der Rampe singen lässt, inszeniert er das Drama mit filmisch gestischer Schauspielerei. Die Nahaufnahmen attackieren die Aufmerksamkeit vom Publikum mit paraleller oder pantomimischer Projektion. Die in ein fantastisch detailreiches, jedoch nie überfülltes Bühnenbild einkomponierte Kameramänner übertragen die Mimik der einzelnen Akteure auf die Leinwände des Bühnenbildes. Diese Filmpassagen beleuchten die innere Motivation der Figuren, interpretieren kann man sie aber auch als subversive Kritik des Medienwahnsinns, den Castorf als eine zynische Chymäre versteht, die nach der Aufhebung der Grenzen zur Intimität lechzt. Castorfs Invention ist kein bisschen langweilig. Wagners musikdramatische Kapitalismuskritik ergänzt er um den Aspekt der Medienkritik. Nicht nur Erdöl und Benzin, aber auch emotionale Pornographie der neuen Medien sind das neue Gold und eine gefährliche Waffe in den Händen von neureichen charakterlosen Gaunern ohne Geschmack und Moral.
Herrlicher Einsatz des Ensembles
Dank der ständig anwesenden Kameras konnte sich keine der Figuren auf der Bühne (und zeitweise hinter der Bühne) verstecken. Die schauspielerische Verve des gesamten Ensembles ist schlicht ergreifend. Neben den lasziv zwitschernden Rheintöchtern (Alexandra Steiner, Stephanie Houtzeel, Wiebke Lehmkuhl) beeindruckten vor allem Iain Paterson als Wotan und dramatisch orgelnd deklamierende und textverständliche Tanja Ariane Baumgartner als Fricka. Nadine Weissmann als gesanglich elegante und schauspielerisch glamourose Erda ist auch dieses Jahr der Star des Abends. Die Bühnenpräsenz ihrer Erscheinung und ihrer Stimme ist wirkt nicht nur auf Wotan betörend. Albert Dohmen mit seinem dunkel gefärbten Bariton konnte seinem Alberich einen grobmotorischen und wütenden Zwerg entlocken. Seinen Bruder Mime schob Andreas Conrad nicht auf so geläufige komische Ebene. In seiner Phrasierung bot er den gequälten Nibelung mit einem klugen tragisch-komischen Hauch.
Weniger überzeugend und stimmlich müde wirkte dagegen Roberto Saccà als ständig mit dem Feuerzeug spielender Loge. Last but not least Karl-Heinz Lehner als Riese Fafner und Günther Groissböck in der Rolle seines etwas epfindsameren und fabelhaft sonoren Bruders Fasolt. Auch Daniel Behle (Froh) und Markus Eiche (Donner) als sympathisch pubertierende Gauner im Stil von Quentin Tarantino konnten Castorfs Inszenierungskonzept gänzlich erfüllen.
Nach dem Donners Hammerschlag und dem kurzen Gewitter erstrahlte die Landschaft erneut in klarem Licht. Über die Regenbogenbrücke aus Baßklarinette, Horn und Fagotte schreiten die Götter in die Walhalla. Darunter in dem Shop der Tankstelle tanzen die Puppen als monsterhafte Zombies frei nach dem Motto Antonio Gramscis: Wenn die alte Welt abstirbt, aber das Neue noch nicht zur Welt kommen kann, entsteht eine Zwischenzeit, die Zeit der Monster.
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