Wie man die Carmen tötet

»Sehr geehrte Damen und Herren, bitte schalten Sie Ihre Mobiltelefone aus.« Diesen Satz, der jedesmal das bevorstehende Spektakel aus der Welt der dichten Informationsnetzen und der ewigen (telefonischen) Erreichbarkeit auszugrenzen versucht, kennen mittlerweile alle Theaterbesucher. Vor jeder Vorstellung weist er auf den Charakter des performativen Aktes hin, dessen Einzigartigkeit dann aber doch immer wieder – aus häßlicher Ignoranz oder der schlichten Vergesslichkeit – nicht selten durch aufdringliches Telefonklingeln irgendwo in den dunklen Tiefen des Zuschauerraumes demontiert wird. 
Auch die neuste Produktion der Münchner Theaterakademie August Everding hat sich neuerdings entschieden, die Autorität dieses strikten Verbots zu untergraben. In die Orchesterhauptprobe der letzten Opernproduktion lud die Presseabteilung ein Paar digitale Nerds ein, die unter dem Hashtag #carmenundich ihre Eindrücke aus der Produktion mittels der besagten Mobiltelefone auf den sozialen Netzwerken live kommentieren sollten. In welchem Theater kriegt man schon eine solch explizite Erlaubnis, das Handy an lassen zu dürfen zusammen mit den Zutrittsdaten für das W-Lan-Netz des Hauses?
Narratives Potenzial des zwitschernden Sozialnetzes in Hellblau ist inzwischen ein wichtiger Kommunikationsstrom beinahe aller bedeutenden Theater- und Opernhäuser. Theaterakademie August Everding versucht sich gerne auf der Bühne experimentell. Nun sollte ein Theaterexperiment auch den Zuschauerraum erreichen. Die Idee stammt von Johannes Lachermeier, der noch letztes Jahr als Mann für die Kommunikation mit der Welt hinter dem Computermonitor liebevoll die Fragen der Netzgemeinde bei der Jahrespressekonferenz der Bayerischen Staatsoper dem Intendanten Klaus Bachler vorlas. So wie das Ensemble auf der Bühne, sollte nun auch das Publikum die Geschichte um die Bizets Spanien-Oper Carmen dekonstruieren.

Musik0%
Gesang0%
Regie0%
Bühne0%
Dramaturgie0%
Publikum0%
Georges Bizet: Carmen Assassinnée

Georges Bizet: Carmen Assassinnée

Mit: KArsten Januschke (ML), Christoph Nel (R), Martina Jochem (szenische Analyse), Thomas Goerge (B, K,), Tamara Yasmin Bauer (D), Nadia Steinhardt (Carmen/Georgie), Tianji Lin (Don José/Josoa), Victória Real (Micaela/Sophie), Sarah Aristidou (Frasquita/Nawel), Florence Losseau (Mercédès/Jasmin), Bavo Orroi (Zuniga/Jüüso), Stefan Sbonnik (Remendado/Thunder), Jaeil Kim (Dancairo/Vogel), Elías Benito Arranz (Escamillo/Dimitri), Münchner Rundfunkorchester, THEATERAKADEMIE AUGUST EVERDING im PRINZREGENTENTHEATER

Premiere: 18. Februar 2016

Für die Studierenden des dritten Semesters in der Regie von Christoph Nel und unter der musikalischen Stabführung von Karsten Januschke war die Produktion Carmen Assassinée eine Reise zu den Wurzeln des Stücks aus den Federn von Prosper Merimée und Georges Bizet.
Mit seinen Librettisten Ludovic Halévy und Henri Meilhac schuf Bizet Carmen für die Bühne der Pariser Opéra comique. Im Unterschied zu den Stücken, die damals für das vornehme Publikum an der Grand Opéra gespielt wurden, waren für die Oeuvres an der Opéra comique nicht Rezitative, sondern gesprochene Dialoge stilbezeichnend. Die Premiere 1875 kam beim Publikum lediglich mit mäßigem Erfolg an. Da Bizet kurz nach der Premiere starb, beschloß sein Kompositionskollege Ernest Giraurd, für die Wiener Aufführung die Carmen mit Rezitativen aufzupeppen. Carmen war in Wien ein voller Erfolg und blieb bis heute wahrscheinlich die beliebteste und meistgespielte Oper überhaupt. Leider hat der liebe Herr Giraurd die harmonische Gesetzmäßigkeiten und die musikalische Dramaturgie der Urfassung gänzlich ignoriert und aus einst musikdramaturgisch klug durchdachten Carmen wurde ein romantisierende und kitschige Karikatur des spanischen coleur locale.
Nel und Januschke entschieden sich Carmen ihr ursprüngliches Esprit einer opéra comique zurückzugeben und so Bizets kompositorische Intention zu rekonstruieren. Und zwar nach Strich und Faden. Aus der Partitur nahmen sie nur noch die musikalischen Highlights, die in die Zitate aus der Merimées gleichnamigen Novelle eingefädelt wurden. Eine Gruppe junger Sängerinnen und Sänger entdeckt auf der Bühne zufällig Merimées Buch. Prompt lesen sie sich in die Geschichte ein. Die notorisch bekannten Klänge Bizets animieren sie zur szenischen Interpretation der Geschichte um Carmen, Don José und Escamillo. Ohne folkloristisches Klischee und ohne blutige Arena. Stierkämpfe fressen in dieser Inszenierung buchstäblich nur ein Schattendasein.
Das Urmaterial dieser Inszenierung ist ein Papier. Es reißt, raschelt, knäult sich und verformt sich genau wie die Carmen im Laufe ihrer Inszenierungsgeschichte. Bühnenbildner Thomas Goerge projizierte an die Wände der Kulisse (aber auch des Zuschauerraumes) eine Videoinstalation aus den Schnipseln Merimées Novelle und filmischen Sequenzen zum Thema Carmen. Sie wirkten wie Erinnerungsblitze oder etwa ein Geflecht aus den Bilder in den Köpfen der Zuschauer mit dem Bild der mise en scéne, das in dieser komprimierten Fassung in gut zwei Stunden über die Bühne ging. Nels Konzept der Theaters im Theater erinnerte dabei doch auch an die ursprüngliche Fassung. Auch in dieser entsteht das Drama direkt auf der Bühne, ohne Vorgeschichte der einzelnen Protagonisten, die den Konflikt aus den unmittelbaren Konfrontationen entstehen lassen.
Die angehenden Sängerinnen und Sänger agierten und sangen bemerkenswert. Wenn auch nicht immer stilgerecht, verfügten sie alle über ein imposantes Stimmmaterial. Die Geschichte haben sie mit schauspielerischer Verve und musikalischer Begeisterung kreiert. Karsten Januschke, der mit dem erhöhten Orchester zum szenischen Mitwirkenden und festem Mitglied der lustigen Truppe auf der Bühne wurde, begleitete diese mit Eleganz einer schlanken und wohlgeformten Klanglinie jenseits des folkloristischen Klischees. Trotz der abgespeckten Orchesterbesetzung (schon in der Urfassung fehlen zum Beispiel Tuba und Bassklarinette) konnte er dem Orchester einen vollen und ausgeglichenen Klang entlocken.
Digitale Loggionisti im Theater, aber auch an den Bildschirmen zu Hause goutierten die Geschichte und ihre Inszenierung live. Ihre Meinungen zum Bizets Werk: »Die „reine“ Carmen: Dirigent Karsten Januschke läßt alles weg, was nach Bizets Tod dazu komponiert wurde« (@Boval76), über die Regie: »Modernes „Setting“, aber völlig konventionelle Personenregie. Konwitschny würde sagen: Schnickschnack« (@tkroos), oder aber zu den einzelnen Sängerinnen und Sängern: »wow! toll! Carmen wie sie intensiver kaum sein könnte! :-))« (@sphericon über Victoria Real als Micaela) kann man bei Twitter unter #carmenundich nachlesen.
Es ist fraglich, ob man eine Performance für solche Kanäle öffnen sollte. Die Einzigartigkeit der performativen Kunst ist zerbrechlich. Einige Opern- und Konzerthäuser sind allerdings bereits längst auf diesen Trend eingestiegen. Den Zuschauern bieten sie Möglichkeit, die Vorstellungen aus den extra dafür reservierten Sitzplätzen live im Netz zu kommentieren. Die Oper Stuttgart organisierte solches Bloggertreffen unter dem Hashtag #twoper bereits zum dritten Mal. Kommentieren war allerdings erlaubt ausschließlich vor und nach der Vorstellung, sowie in den Pausen (solange man sich bei Sekt und Häppchen doch nicht lieber mit anderen Tweeps unterhielte). Im Fall von Straussens Salome war es ohnehin nicht anders möglich. Die packende erzählerische Vielschichtigkeit der Inszenierung (Kirill Srebrennikov) hat das Weggucken von der Bühne zum Handydisplay schlicht unmöglich gemacht. Um so heftiger entbrannte die Debatte im Twitter nach der Vorstellung. Angereichert wurde sie auch von der Dramaturgin der Produktion, Ann-Katrine Mecke, die prompt Unverständlichkeiten und Fragen zur szenischen Deutung erklären konnte.
Oper aufm Twitter ist ein heißes Ding. Die Fans tauschen sich über Eindrücke und Tipps aus, Operntheater nutzen diesen Kontext für Werbung, Kommunikation aber auch für die Popularisierung der Oper an sich, in dem sie ihre Kunst direkt auf die Handydisplays oder Computerbildschirme der Zuschauer übertragen. Ein Twitterer unter dem Benutzername GiuseppeVanWagner (@barbrastreusand) schrieb unlängst dazu, dass sein Interesse für die Welt der Oper und des Theaters nach einem Live-Stream aus der Bayerischen Staatsoper und der Twitter-Debatte über dieses Stück erweckt wurde.
Im Fall der Carmen Assassinée in München profitierten aus solch einer Opern-Dekonstruktion alle Seiten. Das Produktionsteam, Studenten auf der Bühne, die Zuschauer und letztendlich auch das Bizets Stück allein. So why not?

 

No Comments

Post A Comment