Polarisierender South Pole

Die Uraufführung der Oper South Pole des tschechischen Komponisten Miroslav Srnka und seines australischen Librettisten Tom Holloway war wirklich spektakulär. Alleine die ganze produktionsbegleitende Marketingmaschinerie, die Bayerische Staatsoper bereits ein Jahr zuvor ankurbelte, war riesig. Ihr Effekt nur einige Tage vor der Premiere war kaum zu übersehen. Das Medienecho war gewaltig, den Komponisten jagte ein Termin nach dem anderen, sogar der Schnee, der in diesem viel zu warmen Winter am Tag der Premiere fiel, schien eine Bestellung der Marketingabteilung direkt beim Heiligen Petrus zu sein. Die Reaktionen im Zuschauerraum unmittelbar nach der Premiere war vor allem beim jüngeren Publikum ausgesprochen positiv.
Einige Tage vor der Premiere stellte der Verlag Bärenreiter die Komplette Partitur der Oper auf seiner Homepage zum Download bereit. Die musikalische Landkarte des Südpols konnten somit die Interessenten bereits vorab sichten. Ihre Horizonte in Form von breitspektralen Musikflächen, die durch ganzes Spektrum bekannten aber auch unbekannten Perkussien glänzte (zu Musikinstrumenten wurden hier zum Beispiel Schmierpapier, oder Eierschneider erklärt), zeichneten sich schon auf den ersten Blick ab. Junge Autoren begeisterten sich für das Rennen um den Südpol, das sich 1911 Norweger Roald Amundsen und Brite Robert Falcon Scott lieferten. Ihre Geschichte verarbeiteten sie beinahe dokumentarisch. Sie formulierten die erste Begegnung der Polar-Pioniere mittels einer telegrafischen Nachricht, in der Amundsen seinen Rivalen Scott wissen lässt, dass er entgegen seinen ursprünglichen Plänen nun doch zum Südpol anstatt zum Nordpol aufbrechen werde. In der Partitur erklingt auch das Wandern durch die Schneewüste, physische und psychische Erschöpfung bis zum Erreichen des Ziels und die Heimkehr, die für den Norweger triumphal, für den Briten dagegen fatal endete.

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Miroslav Srnka: South Pole

Miroslav Srnka: South Pole

Mit: Kirill Petrenko (ML), Hans Neuenfels (R, B), Katrin Connan (B), Andrea Schmidt-Futterer (K), Henry Arnold, Malte Krasting (D), Rolando Villazón (Robert Falcon Scott), Tara Erraught (Kathleen Scott), Dean Power (Lawrence Oates), Kevin Conners (Edward „Uncle Bill“ Wilson), Matthew Grills (Edgar Evans), Joshua Owen Mills (Henry „Birdie“ Bowers), Thomas Hampson (Roald Amundsen), Mojca Erdmann (Landlady), Tim Kuypers (Hjalmar Johansen), John Carpenter (Oscar Wisting), Christian Rieger (Helmer Hanssen), Sean Michael Plumb (Olav Bjaaland), Bayerisches Staatsorchester, BAYERISCHE STAATSOPER

Uraufführung: 31. Januar 2016

Dabei waren Srnka und Holloway nicht die ersten, die den Südpol auf dem Opernweg bezwingen wollten. Erstersteiger war hier vermutlich Schüler Arnold Schönbergs, Komponist Winfried Zillig (1905 – 1963), der dieses Sujet in seinem Werk Das Opfer aufgriff. Im Unterschied zum Südpol befasst sich allerdings Zilligs Das Opfer ausschließlich mit dem tragischen Schicksal des britischen Teams. Die Oper mit vier Protagonisten, Chor und Ballet der Pinguine, kam erstmals auf die Bühne in Hamburg im Jahre 1937.
Postdramatisch komponierte „double opera“ South Pole besteht aus zwei parallel laufenden Geschichten und erinnert ein wenig an den Comic-Stil der graphischen Novelle. Unterschiedliche Geschichten haben aber auch ihre dramatische Parallelen. Beiden Abenteurern erscheinen Frauen ihres Lebens. Scotts Ehefrau Kathleen, die ständig von ihren Mann der Untreue bezichtigt wird, Amundsen wiederum wird von der Erscheinungen der Landlady geplagt, die sich wegen ihm das Leben nahm. Im Basislager amüsieren sich die Briten mit der Aufnahme der Carusos Blumenarie, die aus dem historisch belegten Carusophon erklingt, die Norweger lauschen wiederum dem Solveigs Lied in der Aufnahme von Borghild Bryhn-Langaard. Während der Britischen Expedition zahlreiche logistische und technische Probleme einen Strich durch die Rechnung machen, wird Amundsens Expedition „Fram“ abgesehen von der inneren Zwist zwischen Amnundsen und Johansen erfolgreich. In den Charakteren von den beiden Hauptprotagonisten findet der Zuschauer aber kaum Platz für Identifikation. Beide handeln ziemlich eigennützig und kalt wie die arktische Temperaturen, gegen die sie alle ankämpfen.
Die Partitur in C Dur spricht zum Zuschauer durch leise flüsternde breitgefächerte Flächen mit minutiös komponierter Dynamik. Ihr Klang knistert, schallt, schnauft, ihre Spannungsbögen sind ausgeschmückt mit Glanz, Giltzern und streckenweise kristallin klimperndem Zittern, das an Kälte, Eis und an eine schier endlose, aber doch differenzierte Weiße erinnert. Über diese seltsam schattierte monochrome Fläche schweben Baritone der Amundsens Gruppe, deren charmante Konkurrenz die Tenöre aus dem Team Scott bilden. Während die Baritone der hohe Sopran der Landlady ergänzt, die Vision der Tenöre klingt im samtenen Mezzo Kathleens. Relativ gemächlich fließende monumentale Musik hat auch ihre eindrucksvoll komponierte Höhepunkte. Quartett zwischen Kathleen, Landlady, Scott und Amundsen, das ziemlich organisch aus dem musikalischen Fluß entsteht, zeugt von der Invention des Komponisten. Dramatisch hervordringende Accelerandi reißen die Musik – die Polar-Rallye illustrierend – aus der scheinbaren Lethargie heraus. Sehr schade, dass ähnliche Invention die einzelnen, recht konventionell komponierten Stimmen vermissen.
Das Recht der ersten Inszenierung nutzte der Grandseigneur des „Regietheaters“, kein geringerer als Hans Neuenfels. Parallele Geschichten situierte er auf der strahlend weißen Bühne nebeneinander. Ihrem Hintergrund dominierte ein schwarzes Kreuz als Zeichen des geographischen Südpols. Beide Teams wurden strikt durch einen weißen Balken in der Mitte der Bühne voneinander geteilt. Die weiße Szene war eine eindrucksvolle Projektionsfläche für Srnkas klingende Antarktis. Schwarz gekleidete Statisten stylisierten Scotts viel zu unpraktische Ponys, beziehungsweise die etwas robustere Hunde, auf die das Team Amundsen wohl wissend eher gesetzt hat. Im Unterschied zum als Tiere gekleideten Chor, die man auch aus diversen anderen Inszenierungen Hans Neuenfels’ kennt, vermisste man die mit Liebe zum Detail ausgearbeitete Neuenfelssche Regieführung. Vieles ist auf der Rampe stecken geblieben, die räumliche Trennung erwies sich eher als Hindernis, zum Konzept einer double opera mag man sich auch optisch ein peppigeres Konzept vorstellen. Es scheint, als ob Hans Neuenfels vieles den schauspielerischen Erfahrungen der Sänger überlassen hätte.
Kalten Amundsen kreierte Thomas Hampson mit einem psychologisch realistischen Nerv. Seine imposante Erscheinung dominierte dem Abend nicht nur physisch, sondern auch stimmlich. Srnkas Partitur bewältigte er unter dem akribischen Taktstock Kirill Petrenkos routiniert und konzentriert. Rolando Villazón begeisterte zwar als exaltierter Scott, seine ehemals lyrische Stimme stieß aber in der Charakterrolle hörbar an ihre Grenzen. Tara Erraught war ihm eine lyrisch melodiöse und wohlig klingende Vision seiner Ehefrau im langen schwarzen Kleid. Ätherische Mojca Erdmann als Geistererscheinung der Landlady mit Blecheimer voller Chemikalien in der Hand, mit denen sie sich damals vergiftete, bestach durch ihren genauen und konzentrierten hohen Sopran.
Zum Erfolg des musikalischen Textes Srnkas und Holloways Partitur trug maßgeblich der Dirigent Kirill Petrenko bei. Das Ineinanderfließen der musikalischen Flächen, das ganz leicht zu einem ziemlich klumpigen Ergebnis führen könnte, verhinderte er klug mit einer klaren und definierten Struktur, derer größte Zierde die präzise Artikulation war. Alle Höhepunkte dieses enormen Eisberges konnte er mit einem gut lesbaren und deutlichen Bogen überspannen. Auch trotz des zeitweise überladenen Librettos, das viel zu sehr auf eine detailtreue Schilderung der Geschehnisse erpicht war. Striche würden nicht nur dem Libretto stehen. Szene, in der die erschöpften Tiere beider Teams erschossen werden ist viel zu lang. Genau wie die Gletscherspalten, in denen die Amundsens Männer gleich mehrfach verschwinden.
Es soll ja Komponisten geben, die ihre Werke gleich mehrmals überarbeitet haben. Eine vielleicht noch einmal durchdachte Fassung, würde der magisch irisierenden Musik Miroslav Srnkas nur gut stehen.
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