Zirkus Marthaler

Erst vor 30 Jahren wiederentdeckte Oper Il viaggio a Reims, die Rossini anlässlich der Krönung des Bourbonenkönigs Karl X. komponierte, war ihrerzeit eine ziemlich gewagte Groteske, die sich vor allem über Zustände in den Kreisen des hohen Adels lustig machte. In der Oper, die eigentlich einer konkreten Geschichte entbehrt und die Rossini im Jahre 1825 als letzte italienische Oper praktisch auf den Leib den Stars des Theatre du Italien in Paris schrieb, entdeckte jetzt Regisseur Christoph Marthaler eine ungeahnt treffende und komisch pointierte Aktualität.
In dem geschlossenen Konversationsspiel für den König und seine Gesellschaft, konterkarierte Rossini nationale Befindlichkeiten einzelner Figuren aus den Reihen des europäischen Adels. In den Gästen des Badehotels »Zur goldenen Lilie«, das charmant an das Wappen des französischen Königs rekkurierte, konnte man mit Sicherheit auch tatsächliche Gäste der Krönungszeremonie finden. Ähnlich aktuell wirkte nämlich auch die Geschichte der skurrilen Gesellschaft, die wegen des Pferdemangels im Hotel der Madam Cortese (lyrisch sanfte Serena Farnocchia) stecken blieb, auch auf das Publikum des Zürcher Opernhauses.
Christoph Marthaler übertrug  die Geschichte der zweihundert Jahre alten Oper in die Zustände des maladen Europas von heute. Getreu seinem  handwerklich überzeugenden und pointierten Stil, ergänzte er die ursprüngliche Geschichte um komische Etuden. Story aus dem Umfeld der hohen europäischen Politik bildete somit einen hervorragenden Rahmen für psychologisch motivierte Charakterstudien der einzelnen mehr oder minder neurotischen Figuren. Marthalers Optik, die auch diesmal das Menschenleben gefangen in unterdrückten Sehsüchten und allerlei Neurosen unter die Lupe nahm, war höchstwahrscheinlich auch trotz der Aktualisierung ziemlich werktreue Rekonstruktion der ursprünglichen Rossinischen spiellustigen Oper. Marthalers Hofbühnenbildnerin Anna Viebrock blieb auch diesmal treu sich selbst und der Ästhetik der fünfziger Jahre. Das Vorbild für die Architektur des Hotels Madam Cortese war diesmal der Kanzlerbungalow in Bonn. Der holzgetäfelter Retrostil ergänzte eine Wellness-Ecke mit einem kleinen Pool für die Wassergymnastik der Gäste, über dem eine Art versteck-konspirative Mansarde mit nackten Betonwänden thronte.

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Gioachino Rossini: Il viaggio a Reims

Gioachino Rossini: Il viaggio a Reims

Mit: Daniele Rustioni (ML), Christoph Marthaler (R), Anna Viebrok (B, K), Malte Ubenauf, Kathrin Brunner (D), Rosa Feola (Corinna), Anna Goryachova (La Marchesa Melibea), Julie Fuchs (La Contessa di Folleville), Serena Farnocchia (Madama Cortese), Edgardo Rocha (Il Cavaliere Belfiore), Javier Camarena (Il Conte di Libenskof), Nahuel Di Pierro (Lord Sidney), Scott Conner (Don Profondo), Yuriy Tsiple (Il Barone di Trombonok), Pavol Kuban (Don Alvaro), Roberto Lorenzi (Don Prudenzio), Spencer Lang (Don Luigino), Liliana Nikiteanu (Maddalena), Rebeca Olvera (Modestina), Estelle Poscio (Delia), Iain Milne (Zefirino), Ildo Song (Antonio), Christopher Hux (Gelsomino), Marc Bodnar (Günter Bröhl), Raphael Clamer (Carlo Enzio Scrittore), Altea Garrido (Madama Diedenhofer), Evelyn Angela Gugolz (Signora Gemello-Fraterno), Ilona Kannewurf (Signora Gemello-Identico), Sebastian Zuber (Barone Tensione del Collo), Philharmonia Zürich, OPERNHAUS ZÜRICH

Premiere: 6. Dezember 2015

Naive Ölgemälde mit den Konterfeis der Upper-Class der europäischen Politik machten aus diesem Dachgeschoss eine Art Lager für Ideologien. Abhöranlage, die Don Profondo (profunder Scott Conner) bei seiner Registerarie über nationale Besonderheiten einzelner Gäste zum Einsatz kam, erinnerte an die letzten Abhörskandale der EU. Mit seiner Regiepoetik nimmt die europäische Gemeinschaft ins Visier, die trotz der proklamierten Einigkeit langsam aber sicher in rückgewandte nationalistische Selbstgespräche auseinander fällt. Auch diese stehen auf wackligen Füßen. Mehr als für oberflächliche Monologe und komische Figuren interessiert sich Marthaler für die kleinere oder größere Beziehungsdramen der durch diverse mentale Blockaden gehemmten Figuren, die ihr Unwesen zwischen dem Pool, dem Zimmergang und der Intensivstation treiben.
Leiterin des Hoteldienstes Maddalena (Liliana Nikiteanu) leidet an einen seltsamen Tick, ihre Chefin Madam Cortese drückt sich am liebsten in diversen Melodien und Harmonien aus. Der Hotelarzt Don Prudenzio (stimmlich voluminöser und sonorer Roberto Lorenzi) ist ein Kurpfuscher, seine autistischen Patienten betreiben krampfhaft im Pool die Wassergymnastik und modebesessene Gräfin Folleville (bezaubernd zwitschernde Julie Fuchs) fällt in Ohnmacht nach der Nachricht, dass die Kutsche mit ihrer Garderobe im Matsch stecken blieb. Der Literat Don Profundo katalogisiert manisch das Hab und Gut der einzelnen Gäste. Ein wenig merkwürdige spanische Sängerin Corinna (zwischen Pathos und Melos fantastisch balancierende Rosa Feola) weckt Sehnsüchte aller männlichen Anwesenden einschließlich des russischen Generals Libenskof (ungemein heller tenore di grazia Javier Camarena), was wiederum die polnische Generalswitwe Melibea (brillant virtuose Anna Goryachova) zum Wahnsinn treibt.
Marthaler setzt geschickt auf das Komische, das aus dem prekären Konflikt zwischen Motivationen und Interessen der einzelnen Figuren hervorgeht. Seine komische Sketche finden ihre Stütze in der fantastischen und affektvollen Musik Rossinis, die nicht selten mit dem Text des Librettos und dem Geschehen auf der Bühne kollidiert. Dissonanzen dieser Groteske münden zum Schluss in ein harmonisches Tutti, das angebliche Einigung zwischen den Anwesenden demonstrieren sollte. Vor dem mächtig pathetischen lieto fine flüchtet Marthaler mit dem lakonischen Hinweis auf der Obertiteln- Anlage: »Libretto aus technischen Gründen vorübergehend nicht erreichbar.« Der Zuschauer kann sich also voll auf den wunderbaren Gesang Corinnas, begleitet von einer Harfe, konzentrieren und auf die nicht gerade überzeugende Eintracht zwischen dem im Publikum singenden Chor und dem Ensemble auf der Bühne, die von den Wrackteilen eines havarierten Flugzeugs gestört wird. Die falsche Botschaft des brüderlichen Appells an die Völker wäre für den Zuschauer auch ohne abgebrochene Turbine lesbar. Trotz der wunderbaren Regie hing der Erfolg des Abends maßgeblich vor allem von den ausnahmslos bezaubernd agierenden und singenden jungen Solisten ab. Dreizehn Hauptfiguren ergänzt durch zwei Sprechrollen und geradezu akrobatisch herumwirbellndes Frauenballett, trugen wunderbar Marthalers Idee. Daniel Rustioni am Pult der Philharmonia Zürich war eine Art Tierbändiger in diesem Zirkus Marthaler, der nicht nur die tolle Partitur von Rossini, aber auch das charmante Ensemble auf der Bühne hervorragend zur Geltung brachte. Marthalers Groteske begleitet von musikalischer und schauspielerischer Begeisterung auf der Bühne quittierte das Publikum mit lauten Lachanfällen, sowie mit einem langanhaltenden Schlussapplaus geziert von einem dichten Blumenregen.

 

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