Das Wunderkabinet des Belcanto

Edita Gruberovas Heldinnen des Belcanto sind erwachsen geworden. Sie sind nicht mehr die jugendlich beschwingte Prinzessinnen, die sie einst mal waren. Mit dem Alter wurden sie weiser. Ihren königlichen Charakter sieht man ihnen am konzentrierten und aufrechten Gang an. Ihre Eleganz beruht auf ihrem Mut und der Weisheit, die sie aus ihren reichen Erfahrungen schöpfen. Sie treten nicht mehr so oft auf, jedoch werden sie immer begehrt. Auch nach Jahren begeistern sie ihr Publikum mit Entschlossenheit, Disziplin und einer einzigartigen Persönlichkeit.

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„Möchten Sie noch einmal die Linda hören?“ – fragte Edita Gruberovabeinahe wie ein unsicheres junges Mädchen den ausverkauften großen Saal im Theater St. Gallen. Sie stand am Ende eines abendfüllenden Konzertes vor den Zuschauern, die sie mit dem langanhaltenden Applaus nicht von der Bühne entlassen wollten. Nach der ersten Zugabe – der Arie Liu Signore ascolta, die sie trotz des absolvierten Konzertes mit solcher Innigkeit und Leichtigkeit dargeboten hat, die augenblicklich die vierzig Bühnenjahre überbrücken ließen, konnte sich das Publikum an der slowakischen Sopranistin in großartiger Kondition nicht satthören. Mit der Arie der Linda di Chamounix aus dem ersten Akt begann sie nämlich den Abend, ganz im Zeichen von Bellini und Donizetti. Die hohen Töne ihrer Koloraturen sind auch für jüngere Kolleginnen ganz schön rutschig. Die absolute Sicherheit und Sorglosigkeit, durch die Gruberovas stupende Technik der Gesangsakrobatik einst strahlte, haben gefehlt. Anstatt ihnen brillierte aber mit entschlossener Konzentration und einem überwältigenden Ausdruck. Vor dem Publikum in St. Gallen präsentierte sie einen Hochseilakt, bei dem ein kurzes Wackeln vor allem durch den Mut ohne Furcht vor Scheitern beeindruckte. In der Wahnsinnsszene der Lucia di Lammermoor war schlicht faszinierend zu beobachten, wie sie ein mal mehr die Rolle durchlebt, die sie auf den verschiedenen Opernbühnen der Welt unzählige Male sehr erfolgreich spielen durfte. Symphonisches Orchester St. Gallenunter der Leitung des Dirigenten Peter Valentovič wusste ihre immer noch atemberaubende Pianissimi und Apoggiaturen in den höchsten Tönen äußerst sensibel zu tragen. Der kammermusikalische Dialog der Lucia mit der zwitschernden Flöte des virtuosen Marc Fournel hat an den klingenden Glanz erinnert, mit dem Gruberovas Melismen einst auf den Opernbühnen so strahlten. Nach dem Block mit dem Donizetti-Repertoire, abgeschlossen mit dem Rezitativ, Arie und Cabaletta der Elisabetta „Duchessa, alle fervide preci…“ aus der Oper Roberto Devereux, brillierte Gruberova in einer Reihe aus Rezitativen und Arien der Bellinischen Adelsfrauen Elvira (I Puritani): „O rendetemi la speme…“ und Alaide (La straniera): „Sono all ara…“. Ihren tragischen Pathos trug nach dem ersten Teil wunderbar eingesungene Gruberova mit einem dezenten und aufrichtigen dramatischen Nerv. Zwischen den einzelnen Aufritten gönnte ihr die Dramaturgie Pausen in Form von Vorspielen aus dem flotten BarbierDon PasqualeRoberto Devereux, und der tragischen Norma. Die instrumentale Perlenschnur gipfelte in einer betörend eleganten Meditation aus der Massenets Oper Thais, mit einem ätherisch eleganten und schlanken Violinsolo des Konzertmeisters Igor Keller. Fünfmal lüftete Edita Gruberova den Vorhang vor ihrem Wunderkabinett des Belcanto. Sein Zauber und seine Einzigartigkeit quittierte das Publikum mit über einer halben Stunde dauernden stehenden Ovationen.

 

 

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