Das Bassin des Schreckens

Die Schwimmhallen zählen nicht gerade zu den typischsten Bühnen für Opernwerke. Die vom rutschigen Wasserrand ins Wasser springende, fallende und tauchende Sänger, in den biedermeierlichen Ganzkörper-Schwimmanzügen kraulender Chor und Labyrinth hölzerner Umkleidekabinen am Rande des Jugendstil-Schwimmbeckens wurden hier aber plötzlich und überraschend überzeugend zu dem Inszenierungsrahmen für Benjamin Brittens The Turn of the Screw – einer spukhaften Oper mit einem ungewissen Konflikt und dem geheimnisvollen Schluss. Das Ensemble der kleinen Operngesellschaft Opera Incognita waren die einzigen Musiktheatermacher an der Isar, die das Münchner Publikum auf eine großartige Weise an den 100. Geburtstag des Komponisten Benjamin Britten erinnert haben, um den die Bayerische Staatsoper neben den opulent ausgestatteten Wagner-Verdi-Feierlichkeiten (leider) einen großen Bogen gemacht hat.
Nach seinen „großen“ Opern Billy Buddund Gloriana wandte sich Britten wieder einmal dem Kammergenre zu. The Turn of the Screw schrieb er für English Opera Group, derer er schon früher seine Lukretia und Albert Herring widmete. Kurz nach der Uraufführung im venezianischen La Fenice (1954) hat die English Opera Group die „Schraube“ mehrmals und sehr erfolgreich auf einem internationalen Tournee losgedreht und bald auch nach München gebracht (1955). So fand eines der bemerkenswertesten Werke der Opernliteratur bereits kurz nach seiner Entstehung in München seinen festen Platz. Die orchestrale Komposition mit einem neurotisch modulierten und zwischen dem A-Dur und As-Dur diatonisch oszillierenden Zwölfton-Motiv lässt manche Fragen seiner (musikdramatischen) Geschichte offen.

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Benjamin Britten: The Turn of the Screw

Benjamin Britten: The Turn of the Screw

Mit: Reinhild Buchmayer, Bonko Karadjov, Susanna Proskura, Katharina Ruckgaber und
Sara Dogru, Kilian Sicklinger, Serafina Starke.
Ensemble und Chor OPERA INCOGNITA.

Premiere: 31. August 2013

Warum sind die Geschwister Flora (glockenhafte Sara Dogru) und Miles (etwas matter Kilian Sicklinger) von den Geistern Namens Quint (schreckenhaft konsequenter und durchschlagstarker Bongo Karadjov) und Miss Jessel (dämonisch dramatische Susanna Proskura) besessen? Warum kann ihre Gouvernante (vokal elegant schlanke und farbige Katharina Ruckgaber) dem Vater der Kinder nicht nach London schreiben? Und was alles weiss die auf dem nassen Kachelboden mit einem Gehstock balancierte Hausmeisterin Mrs. Grose (Reinhild Buchmayer) über die Vergangenheit?
Unausgesprochene Sehnsüchte, dunkle Vergangenheit und Geheimnisse des viktorianischen Landanwesens sind nur wage Eindrücke, die man bei diesem zweifellos meisterhaften Werk Brittens verspürt. Für all diese dunkle und schleierhafte Emotionen gelang es dem Regisseur Andreas Wiedermann eine geniale Metapher des Wassers als eines sich ständig verändernden Elements zu erfinden. Als aus dem Schwimmbecken der Geist der toten Miss Jessel mit den wie von den Aasfressern ausgeholten Augen auftauchte und durch die Jugendstil-Halle ihr spuckenhaftes Flennen gemischt mit dem dunklen Klang der Gamelan-Gongs und den Arpeggios der Celeste erklang, kam zu den Schweißtröpfen, die in der viel zu warmen Schwimmhalle über den Rücken so manches Publikumsgastes liefen, rasch auch die Gänsehaut dazu. Das Bassin des Münchner Müllerschen Volksbades, dem ein Wasserspeier aus Sandstein in Form eines dämonenhaften Kopfes dominiert, verwandelte sich plötzlich in ein dunkles Labyrinth der Seele, in einen bodenlosen Tümpel der längst vergessenen Geschichten. Vierzehnköpfiges Orchester unter der Leitung von Ernst Bartmann hatte die einer Gruft oder einer Kathedrale nahen Akustik überraschend und eindrucksvoll fest im Griff. Und das sogar zu Gunsten der Verständlichkeit sowohl der Musik als auch des Textes.
In der ersten Septemberhälfte herrscht in München ein Opernvakuum – der letzte Vorhang in den umliegenden Festival-Hochburgen Salzburg und Bayreuth fiel bereits und die Theaterferien in den beiden Münchner Opernhäusern neigen sich ihrem Ende zu. Die Reihe der fünf und dank des hohen Publikumsinteresses zwei zusätzlichen Vorstellungen der „Schraube“ (31. 8. – 11.9) im schmucken Müllerschen Volksbad war also schnell ausverkauft. Dank seines dramaturgischen Muts, seiner musikalischen Virtuosität und des veritablen Einsatzes seiner Sängerinnen und Sänger servierte das kleine Ensemble der Opera Incognita die Brittens Kammeroper als Stück eines attraktiven und profunden Musiktheaters.

 

 

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