Abgenagt bis auf die Knochen

Regisseurin Andrea Breth, die mit der Oper nicht sonderlich viel Erfahrungen hat, gelang vor Weihnachten an der Brüsseler La Monnaie ein regelrechtes Coup de Theatre. Abgedroschene und notorisch bekannte Traviata zeigte sie dem Publikum in der ganzen Brutalität ihrer Geschichte. Aus ihrer Bühneninterpretation verbannte Breth jeglichen romantischen Schmelz der Verklärung. Die im ironischen Dreiviertel-Takt grausam sterbende Violetta entblößte sie bis auf die Seele. Mit gesellschaftskritischen Bildern fühlte sie dem Publikum in der belgischen Hauptstadt auf den Zahn. Breths Traviata ist ein doppeltes (osteuropäisches) Import. Es ist vor allem die slowakische Sopranistin Simona Saturová, derer wunderbar gezeichnetes Psychogramm der „vom Wege abgekommenen“ Heldin unter die Haut ging. In Breths durchaus schlüssiger Konzeption ist sie eine Luxushure für die Upper Class, die ihren Weg in die Salons der Pariser Halbwelt am düsteren Umladeplatz für die Schiffscontainer begann. 
Irgendwo im alten Hafen werden aus den riesigen Stahlkisten Mädchen hervor gerissen, und mit brutalen Händen der Aufpasser von ihrer Vergangenheit getrennt, über die erniedrigende „Eingangskontrolle“ in die ungewisse Zukunft geschickt. Nur eine wagen die kahlköpfigen Gorillas nicht einmal anzufassen. Fast wie eine Erscheinung schlüpft Violetta aus dem Container heraus. Wie ein utopischer Gedanke des Guten in der Trostlosigkeit der Szenerie schwebt sie beinahe ätherisch, im Dreiviertel-Takt der Holzbläser gen ihrer Zukunft, direkt zum Gitter eines Jalousie-Vorhangs, der schon bald zur Gardine ihres Bordells wird.
Nur Dank der Stärke ihres Charakters gelang Violetta der Sprung nach Oben. Auf dem Ball der emotionslosen und dekadenten Gästen präsentiert sich chic, kokett, in einem schwarzen Kleid. Doch in dieses Ambiente eines Laboratoriums der zweckentfremdeter Lust passen die lieblichen Ohrwürmer Verdis nicht.

Musik0%
Gesang0%
Regie0%
Bühne0%
Dramaturgie0%
Publikum0%
Giuseppe Verdi: La Traviata

Giuseppe Verdi: La Traviata

Mit: Ádám Fischer (Musikalische Leitung), Andrea Breth (Regie), Martin Zehetgruber (Bühne), Moidele Bickel (Kostüme), Sergio Morabito (Dramaturgie), Simona Saturová (Violetta Valéry), Salomé Haller (Flora Bervoix), Carole Wilson (Annina), Sébastien Guèze (Alfredo Germont), Scott Hendricks (Giorgio Germont), Symphonieorchester und Chor THEATRE DE LA MONNAIE.

Premiere: 04. Dezember 2012

Zu unübersichtlich wäre das Kammerspiel der lieblosen Puppen vor dem Folie aus hübsche Melodien schmetterndem Chor. Und so darf er die Geschichte nur aus dem Orchestergraben kommentieren. Auf dem Violettas Ball ist kein Platz fürs Walzervergnügen. Viel mehr noch. Diese Gesellschaft ist zum Tanzen viel zu müde. Alfredo, der junge Provinzler verliebt sich in die Dame des Hauses. Bei Violetta und ihren Gästen erntet er aber nur Häme und Gelächter. Um so mehr, als er versucht, sein Brindisi aus dem Papier vorzulesen, um den Fehler zu vermeiden. Einer der Gäste, auf den Krücken humpelnd, übergibt sich währenddessen der halbbesoffenen Annina in den Schoß. Diese Gesellschaft hat längst nicht nur den Oberschenkelknochen, sondern auch ihr Rückgrat gebrochen. Aus dem überschäumenden Amore Alfredos kriegt Violetta Kopfschmerzen. Ihr Credo Sempre Libera, das der Ausdruck ihrer gespaltenen Sehnsucht nach Freiheit, aber auch ihr Sehnen nach der wahren Liebe ist, endet in dem hohen Es, das wie ein schmerzender Schrei klingt. In dieser Traviata sind die Männer das schwächere Geschlecht. Nicht nur Alfredo, der in einer halb offenen und ramponierten Fabrikhalle von der gemeinsamen Zukunft mit Violetta schwärmt, Kamelien züchtet und vor lauter jugendlichen Liebesgier seine und Violettas Initialen auf die Wände und ins Anninas Gesicht schmiert. Auch sein Vater Giorgio, der fast dem Charme der Liebhaberin seines Sohnes erliegt, wenn es ausgerechnet nicht die Familienehre wäre, die ihn dazu zwang, der von unbezahlten Rechnungen geplagten Violetta einen Besuch abzustatten. Als ihm Violetta seinen Schicksal beichtet und er sie liebevoll in Armen hält, würden sie sich beinahe Küssen. Das berührt. Giorgio Germont wäre ja ohnehin ein geeigneter Liebespartner für Violetta, die sich mehr nach Geborgenheit und Wärme sehnt. Gebrochen ist aber Violettas physische Gesundheit und nicht ihr Charakter. Die Pathetik der Szene wird auch hier von Annina gebrochen, die dem Geschehen die ganze Zeit aus dem Hintergrund lauscht. Ihre besorgte Miene trägt in die Szene viel Menschliches hinein. Sie ist stets in der Violettas Nähe, sie nimmt an ihrem Leben teil, beklaut sie zuerst am Ball, später tröstet sie. Diese Annina wertet Andrea Breth zu einer tragikomischen Heldin auf. Von einer bloßen Beobachterin entwickelt sie diese Figur zu einer aktiv handelnden Heldin, deren stetige Bühnenpräsenz die einzelnen Szenen erdet. Die Karnevalszene sorgte neben dem diskutablen Weihnachtsbaum auf dem Brüsseler Marktplatz für ein weiteres handfestes Skandal vor Weihnachten. Andrea Breth choreographierte den Ball bei Flora als eine Orgie der sexuellen Perversitäten. Neben den angeketteten maskierten Frauen brachte sie auch eine minderjährige Lolita auf die Szene. Dass es nicht die Schokolade in der silbernen Schale war, was ihr einer der Gäste ins Gesicht schmierte, zeigte sich erst nachher, als die Schale von einigen Gästen als Toilette benutzt wurde… Die Gesellschaft jenseits der Moral und Regeln, Pasolinis Saló lässt grüßen. Die Belgier, die noch eben vor Kurzem von der „Dutroux-Affäre“ in Atem gehalten wurden, reagierten mit Empörung… Violettas Sterben ist ebenso unmoralisch, wie das wilde Treiben der Gesellschaft im vorherigen Bild. Zugedeckt mit einer Plastikplane und verlassen zwischen den Containern aus dem Vorspiel nennt sie den Doktor Grenvil als wahren Freund unwissend, dass ihre letzte ärztliche Untersuchung soeben von Annina mit einem Quickie zwischen den Stahltüren bezahlen musste. Pures Entsetzen und reine Ironie der Situation unterstreicht auch die pantomimische Figur einer Drogensüchtigen, die die Flucht vor der Grausamkeit ihres Daseins in der verräterischen Freude aus der Spritze sucht. Der Regen, der aus dem Schnurboden herab rieselt verwischt den ganzen Ekel in eine einzige, klebrige Pfütze…
Einen besseren Dirigenten als Ádám Fischer konnte sich der Ensemble an der La Monnaie kaum wünschen. Nach seinem unglücklichen Abgang aus der Budapester Staatsoper scheint er in Brüssel seine neue künstlerische Heimat gefunden zu haben. Das intelligente Regiekonzept wusste er mit seinem originellen Dirigat auch aus dem Orchestergraben zu unterstützen. Noch nie klang Verdi in meinen Ohren so schroff. Fischer ging in die Details der Partitur. Wohlbedachte und stark differenzierte Tempi garnierte er mit ungehörten Klängen. Den fast kammermusikalischen Klang ohne die verdische Seichte und gewissen Schmelz erzwang er auch mit dem Dirigat des Publikums. Unerwünschten Applaus nach jeder Nummer versuchte er auch mit gehobenem Taktstock und dem Finger zum Publikum zu unterbinden. Und so musste Simona Saturova auf die durchaus verdienten Ovationen für ihre großartige Charakterskizze der Heldin bis zum letzten Vorhang warten. Ihre Traviata klang ungewöhnlich lyrisch. Die im Mozart-Fach gefeierte Sängerin überzeugte aber mit stupender Technik und etwas dunkleren stimmlichen Farbigkeit, die ihren fehlerfreien Koloraturen im ersten und gewagten Piani im zweiten Akt einen interessanten Ausdruck verliehen. Sébastien Guèze kreierte seinen Alfredo als einen wahnsinnig jungen, hübschen aber auch verdammt unerfahrenen Liebhaber mit großen Bögen. Seinem jugendlichen stählenden Tenor wusste er im Kopfbereich streckenweise auch mit physischer Kraft den Eindruck zu verleihen. In Brüssel wohl bekannte Scott Hendricks lieferte seinen scheinheiligen Vater Germont mit etwas kratzigem Baryton, der wunderbar in das Psychogramm seiner Rolle passte. Mit seiner jüngsten Inszenierung zeigte Brüsseler La Monnaie abermals, dass sie momentan zu der Weltspitze im Opernbetrieb gehört. Andrea Breth leistete mit ihrer Traviata einen überzeugenden und dramaturgisch stimmigen Beitrag zum Verdi-Jahr jenseits des Inszenierungsklischees.

 

No Comments

Post A Comment